Leseblockade überwunden, Erkältung sei dank – 4aus7 Nr. 8/2018

Amelie Fried Paradies, Kent Haruf Lied der WeiteLange ist es her, dass ich mal etwas übers Lesen geschrieben habe. Das lag wohl daran, dass ich über das Gelesene nicht schreiben wollte. So viel wird inzwischen über Literatur geschrieben, zu viel, als dass ich da noch mithalten kann. Ungern reihe ich mich ein in die Literaturempfehlungen und halte mir (meistens) vor, über das Gelesene mit Freunden zu sprechen und Bücher entsprechend zu verschenken – ich habe da schon Ideen 😉 .

Heute gibt es eine Ausnahme, weil ich so schön im Lesefluss bin und das unbedingt mitteilen möchte. 🙂 Dank einer fetten Erkältung liege ich so zuhause rum und mein Kopf ist gerade noch frei genug, um sich mit Lesen zu beschäftigen, aber zu dicht, um zu schlafen. Das heißt, 1000 Seiten sind mal schnell reingefressen.

Ein bisschen geschummelt ist das mit dem 4aus7, denn weder sind 4 Bücher abgebildet – das wird allerdings noch aufgeklärt – noch habe ich die Bücher allesamt in den vergangenen sieben Tagen gelesen. Dazu aber jetzt mehr.

Amelie Fried ‚Paradies‘

Wer meinen letzten Artikel gelesen hat, der weiß, dass ich an einem Schreibworkshop mit Amelie Fried und Peter Probst teilgenommen habe. Ich bin also leicht voreingenommen, aber nicht so weit, als dass ich hier nicht ehrlich meine Meinung wiedergeben würde.

Ein Buch tut mir gut, wenn ich in die Geschichte eintauchen kann und unterhalten werde. Wenn ich die Charaktere dann auch noch nachvollziehbar finde und die etwas über 400 Seiten in quasi einem Rutsch durchlesen kann, umso besser. Ja, Paradies ist leichte Kost, zumindest für mich, aber was solls.

Ein paar kurze Passagen hatte unsere ‚Schreibgruppe‘ vorab als kleine Lesung erhalten, die waren – aus dem Zusammenhang gerissen – teilweise zum Lachen. Tatsächlich ist es im ‚Paradies‘ aber gar nicht lustig. Menschliche Dramen spielen sich ab. Angesichts der Tatsache, dass hier etliche Personen auf einer kleinen Insel im Sturm gefangen sind, nicht verwunderlich. Ich finde, die Autorin hat die aufreibende Situation einer Gruppe eingeschlossener Menschen, die einander vorher nicht kannten, atmosphärisch dicht eingefangen. Dass in dem Ganzen ein Hang positiven Denkens mitschwingt, fand ich mit meinem leicht brummenden Schädel recht angenehm.

Für mich auf jeden Fall ein Lesevergnügen der schnellen Art.

Jane Harper ‚The Dry‘ und ‚Force of Nature‘

Auf Jane Harper bin ich – immer schön, einen Übergang herstellen zu können – durch Amelie Fried gestoßen. Beim Thema unseres Workshops, wie man eine Geschichte beginnen kann,  sodass der Leser sofort gefesselt ist und weiterlesen möchte. ‚The Dry‘ auf deutsch ‚Hitze‘ beginnt aus der Perspektive von Schmeißfliegen. Mich hat der erste Absatz dieses Krimis so angesprochen, dass ich mir das englische Original gleich vor Ort auf den Reader geladen und es noch im Urlaub gelesen habe. Das zweite Buch der australischen Autorin ‚Force of Nature‘, deutsch: ‚Ins Dunkel‘, mit dem selben Protagonisten Aaron Falk, gab es gleich hinterher.

Eigentlich lese ich schon eine ganze Weile keine Krimis mehr. Diese sind anders. Vielleicht, weil es nicht so krimimäßig zugeht. Oh nein, Spannung ist genug da, es fließt nur etwas langsamer dahin und die Erzählperspektiven sind interessant. Was mir aber am besten gefällt ist die Atmosphäre des – in ‚Hitze‘ – staubig trockenen Australiens, wo man den Sand zwischen den Zähnen knirschen hört. Und das ständig feuchte, – bei ‚Ins Dunkel‘ –  Australien, das die Hitzewelle überwunden hat und jetzt im Regen versinkt. Zwei sehr unterschiedliche Geschichten, die beide unglaublich fesseln und Lust auf mehr machen.

Im Original ist ein drittes Buch (The Lost Man) für Oktober angekündigt, ich bin schon gespannt.

Kent Haruf ‚Lied der Weite‘

Wieso ist Kent Haruf bisher an mir vorbeigegangen? An mir, die ich die amerikanische Literatur so liebe. Diese Beschreibungen, bei denen man die oft trostlose Einsamkeit der kleinen Orte spüren kann. In denen die Menschen im vorigen Jahrhundert stehen geblieben zu sein scheinen, sich mit einfachen Mitteln, Landwirtschaft, Pferden und ein paar Kühen über Wasser halten. Wo Nachbarschaft so wichtig ist und dennoch oft verschmäht wird, Freude geteilt wird, Hilfe gegeben und manchmal eben nicht. Orte, in denen die Kinder zwar zur Schule gehen können, aber höhere Bildung nicht möglich ist. Die behütet aufwachsen und dennoch unweigerlich mit der Dramatik des Lebens konfrontiert werden.

Keine Frage, der nächste Ausflug in die Kleinstadt Holt in Colorado – alle sechs Romane Harufs spielen dort – ist bereits in Planung. ‚Lied der Weite‘ hat mich völlig geflasht.

Literatur in Daten

Amelie Fried ‚Paradies‘ bei Heyne TB
ISBN 978 3 453 27047 3  17.-€ (D)

Jane Harper ‚ Hitze‘ bei Rowohlt TB
ISBN 978 3 499 27250 9  9,99€ (D)

Jane Harper ‚Ins Dunkel‘ Rowohlt TB
ISBN 978 3 499 27473 2  14,99€ (D)

Kent Haruf ‚Lied der Weite‘ Diogenes HC
ISBN 978 3 257 07017 0  24.-€ (D)

 

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