Eltern, Emotionen, Entscheidungen – 4aus7, Nummer 7/2018

Ein kurzes Wochenende. Zu voll mit zu vielem.

Zu viel Eltern, zu viel Emotionen, zu schwere Entscheidungen. Aber drücken geht eben nicht immer.

Der Vater im Krankenhaus, keine Durchblutung mehr im Fuß, zwei Zehen müssen ab. Die Sorge, was kommt als nächstes. Mehr Zehen, der Fuß? Muss dieser 92jährige da noch durch? 
Hin und her laufen zwischen Krankenhaus und Heim, wo die Mutter sitzt und grübelt. Zum Glück sind es nur 10min Fußweg. Seit 50 Jahren schimpft sie über ihn und jetzt fehlt er. Vor allem zum Schimpfen. Das ist so eingespielt. Einmal nehme ich sie mit zum Vater. Sie sagt hinterher ‚ich will das nicht, das ist mir zu viel‘. Einen Tag später redet sie vom nächsten Besuch. Sie halten nur Händchen, mein Bruder und ich wollen das nicht sehen, zu viel des Guten.

Der Vater wollte unbedingt ein Telefon, damit sie sich ‚gute Nacht‘ sagen können. Am liebsten würde er stündlich anrufen, kann aber (zu unser aller Erleichterung, denn das wäre einfach zuviel) das Telefon nicht bedienen.

Damit die Mutter nicht zu kurz kommt und abgelenkt wird, geh ich zwischen den Krankenhaus-Besuchen mit ihr ins Cafe. Natürlich kommt sie trotzdem zu kurz. Aber ein Samstag und ein halber Sonntag sind zu wenig Zeit.

Sonntag morgens nimmt sich der Arzt erstaunlich viel Zeit, uns vor die eigentlich nicht vorhandene Wahl zu stellen. Einzige Möglichkeit weitere ‚Schnippeleien‘ am Fuß des Vaters zu vermeiden, ist ein Bypass. Klar ist mit 92 das Risiko hoch, dass was schief geht. Wir drei (Vater, Bruder, ich) stellen viele Fragen, die der Arzt wirklich alle geduldig und anschaulich beantwortet. Weil mein Vater Ingenieur war, wird der Bypass eben anhand von Rohrverbindungen dargestellt. Auch nicht schlecht. Findet man selten und beruhigt. Mein Vater entscheidet sich – auch weil es keine Alternative gibt – für die OP. Er will unbedingt selbst entscheiden.

Hinterher fragt er noch mehrfach, ob ich die Entscheidung richtig finde. Ja, finde ich und bin trotzdem froh, sie nicht für ihn habe treffen zu müssen.

Rüber zur Mutter, um ihr alles zu erzählen und sie drauf vorzubereiten, dass sie noch eine Weile allein sein wird. Vielleicht ist er zu ihrem 93. Geburtstag in drei Wochen wieder zuhause.

Ich merke schon Samstag Abend, dass es mir zu viel wird. Ich ziehe mich zurück in mein Hotel. Oben auf dem Berg. Eine halbe Stunde zu Fuß, vorbei an den Weinbergen bei blauem Himmel. Tolle Lage, der wunderschöne Blick auf Trier und den Sonnenuntergang. Wäre dieses ganze Wochenende nicht ein zuviel von allem, es wäre perfekt.

11 Stunden bin ich im Auto gesessen. Zu lange für meinen Rücken. Aber mit dem Zug hätte ich es zeitlich gar nicht geschafft.

Auf der Heimfahrt wurde Musik eingeworfen und abgeschaltet. Hat nicht ganz geklappt, aber das verwundert mich nicht.

Das Licht beim Sonnenuntergang war richtig schön und kurz vor Augsburg stand der orangefarbene Vollmond am Horizont, das hat mir dann endlich ein paar erleichternde Tränen in die Augen getrieben.

Zu viel Zusammenreißen und unterdrückte Emotionen müssen dann doch einen Weg nach draußen finden.

 

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