Archiv der Kategorie: In eigener Sache

Charlotte

„Only the good die young“

Wir kannten uns 39 lange Jahre. Und genau so lange währte unsere Freundschaft mit Höhen und Tiefen. So wie das Leben eben ist.

Am Ende bleiben unzählige wunderbare Erinnerungen und erst einmal ein Wasserfall an Trauer.

Im Mai 1983 hat es mich nach Augsburg zum Studium verschlagen. Meine erste Wohnung war in einer WG. Charlotte war mit meinen beiden Mitbewohnerinnen befreundet und eine meiner ersten Begegnungen mit ihr wird mir immer präsent bleiben. Sie wollte ins Kino und suchte Begleitung. Die beiden anderen hatten keine Lust und so wurde ich gefragt mit den Worten “ die anderen beiden hab ich schon gefragt, die wollen nicht, dann frag ich dich halt auch noch“.

Ich war 21 Jahre jung, kannte noch niemand in Augsburg und anscheinend war es mir egal die dritte Wahl zu sein, ich ging mit  😉 . Und wie heißt es in einem berühmten Filmzitat so schön „ich glaube das ist (war) der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.

Natürlich würden mir hunderte Episoden aus unserem gemeinsamen Leben einfallen, aber die Liebe zur US-amerikanischen Literatur war es, die uns zu nahezu perfekten Reisepartnerinnen machte. Auch wenn wir uns in den letzten Jahren auseindergelebt hatten, die Literatur und Reiseerinnerungen haben immer ein Band zwischen uns aufrecht gehalten. Ein Band, an das wir in den Monaten seit Charlottes Erkrankung nahtlos anknüpfen konnten. Wie schön für uns.

Irgendwann im Lauf des ersten Jahres unseres Kennenlernens stellten wir fest, dass unser Literaturgeschmack sich ziemlich ähnelt. Wir reisten gemeinsam durch gefühlt 50 Bände des 87. Polizeireviers von Ed McBain, durch alle Buchstaben von Sue Grafton und liebten die Chicago-Krimis von Sara Paretzky. Wir waren John Irving Fans der ersten Stunde und besitzen beide noch die ersten Auflagen von ‚Garp und wie er die Welt sah‘ ohne Filmcover!

Wir haben etliche gemeinsame Urlaube verbracht, Skifahren, Berge, Bretagne, Oberitalien, oft gemeinsam in der Dreierbande mit Barbara. In einem Urlaub auf Rhodos – der alleine mindestens 10 Anekdoten zu erzählen hergäbe – wagten wir uns das erste Mal an einen Irving in Originalsprache ‚Owen Meany‘.

Wir drei

Irving im Original zu lesen brachte uns darauf, dass wir unbedingt einmal in die Gegend reisen sollten, die John Irving in seinen frühen Büchern so geprägt hat, nach New England.

Reisen in die USA

Im Sommer 1992 war es soweit. Leicht blauäugig und nicht so richtig vorbereitet flogen wir nach Boston. Ein Auto war gemietet, Zelt und Campingequipment im Gepäck. Irgendwie hat alles geklappt. Es gab kleinere Pannen, die wurden gelöst. Vier Wochen unterwegs durch die sechs Staaten New Englands, viel Küste, unser erster (ganzer) Hummer zur ‚Happy Hour two for one‘, baden an der Küste, Schnee am Mount Washington, viele Salate und Rotwein am Abend. Dann noch eine Woche in Chicago, unsere Stadt. Später sind wir immer wieder hierher gekommen. Auch unsere letzte gemeinsame USA-Reise 2011 endete in Chicago.

Es folgten Reisen durch den Südwesten, entlang der Westküste bis nach Seattle und über die Vulkane der Great Dividing Range, eine große Runde um die großen Seen, die ebenso große Rocky Mountain Tour mit Yellowstone, Great Teton und bis nach South Dakota, eine Woche New York und eine Revival-Tour nach New England.

Nach der ersten Reise beschlossen wir ein paar grundlegende Änderungen. Das zeichnete uns als großartiges Reiseteam aus. Es war nicht immer alles Friede, Freude, aber wir konnten benennen, was nicht klappte und es wurde geändert.

Campingplätze in den USA sind riesig. Die erste wichtige Entscheidung war, dass jeder sein eigenes Zelt dabei hat. Denn den ganzen Tag zusammen im Auto sitzen und nachts das Zelt teilen birgt großes ‚wir gehen uns auf die Nerven‘-Potential. Und die ‚wer fährt das Auto‘-Frage wurde schnell entschieden. Charlotte war eine hervorragende Kartenleserin (nein, damals hatten wir kein Navi und es wurde mit Straßenkarte navigiert), ich bin schon immer gerne Auto gefahren. In jedem Urlaub hatten wir uns vorgenommen etwas weniger unordentlich im Auto zu sein. Spätestens am zweiten Tag lag alles kreuz und quer auf der Rückbank und im Kofferraum, Feuerholz im Fußraum, Lebensmittel an den vermeintlich kühlsten Stellen und die Zelte lose reingeworfen, weil man sie am Abend ja sowieso wieder aufstellte.

Das wirklich Tolle an unseren Reisen war, dass wir einen sehr ähnlichen Reiserhythmus hatten. Es wurde bis auf die erste Nacht nichts vorgebucht. Wir blieben wo es uns gefiel, studierten die Karte, in welche Richtung es uns treiben sollte und schlugen die Zelte auf, wenn wir keine Lust mehr hatten weiter zu fahren. Morgens wurde Wasser für Kaffee und Tee gekocht und Müsli gegessen, abends gab es kalt, Salat oder Dips. Tagsüber unterwegs wurde eingekehrt. Eine Stadt sollte dabei sein, sonst Natur, Hauptsache es gab hin und wieder einen Fluss, einen See oder das Meer zum Baden. Charlotte war fürs abendliche Lagerfeuer zuständig, ich für das morgendliche Wasserkochen.

Ich kann das gar nicht genug wertschätzen, wir waren ein Team, das über 20 Jahre des gemeinsamen Reisens nicht einfach nur funktioniert hat, sondern einen ganz besonderen Rhythmus hatte.

So long und danke für die Reise

Heute, am ersten Tag, an dem wir Freunde und Familie uns damit auseinandersetzen müssen, dass Charlotte nicht mehr da ist und ich das für mich hier schreiben möchte, denke ich an John Irving und was er für unser beider Leben bedeutet hat. Und daran, dass er uns in seinen Romanen so gerne eine Figur liebgewinnen, sie uns ans Herz wachsen lässt, um sie später sterben zu lassen. So oft habe ich gedacht, das ist einfach nicht fair.

Ich könnte hier noch lange schreiben und Episoden erzählen, fast vierzig Jahre gäben das locker her. Ich bin unglaublich dankbar für all das Schöne, das wir gemeinsam erleben durften, für die Menge an Erinnerungen, die immer wieder aufploppen werden. Unsere Liebe zum Lesen, der Austausch von und über Bücher war auch in schwierigen Zeiten eine leichte Übung. Bei allen meinen späteren Reisen in die USA seit 2011 war Charlotte immer ein bisschen mit dabei. Mit kleinen Geschenken vorab, beim Anhören meiner John Denver CD, die sie mir irgendwann als Reise-CD geschenkt hat oder wenn ich abends auf dem Campingplatz alleine meinen Salat gegessen habe. Sie war hinterher begeisterte Zuhörerin, wenn ich von meinen Erlebnissen berichtet habe, hat die Karte mit meinen Routen studiert und nicht nur geduldig, sondern interessiert  Fotos angeschaut.

Im Oktober erscheint der neue John Irving, ich hatte ihn schon für Charlotte vorgemerkt. Und der neue John Rebus von Ian Rankin und nächstes Jahr ist mein 40jähriges Augsburg-Jubiläum, wer wird mir jetzt mein Bayern-Einbürgerungs-Quiz unter die Nase halten? Und und und. Du wirst so fehlen.

Du fehlst. Danke für die Reise.

Claudia – persönlicher Jahresrückblick 2021 – nur das Gute zählt

Das neue Jahr 2022 ist irgendwie schon voll im Gang und ich lese viel darüber, dass es nur besser werden kann. Generell finde ich es ja schade, dass beim Zurückschauen oft das Negative gesehen wird. Klar streite ich nicht ab, dass 2021 kein leichtes Jahr war. Gefühlt ist mir ein Stück Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Vertrauen und Bewegungsfreiheit verloren gegangen. Aber ganz gewiss nicht in einem Maße, das bejammerswert oder gar bedrohlich wäre.

Mir geht es gut. Hier, in meinem sehr persönlichen Jahresrückblick, kann ich das einfach mal so stehenlassen. Claudia – persönlicher Jahresrückblick 2021 – nur das Gute zählt weiterlesen

Quer durch die USA Teil 2 von Las Vegas nach San Francisco

Nachdem ich im vorangegangenen Artikel gemeinsam mit meiner Freundin Charlotte von Boston bis Chicago gereist war, anschließend alleine weiter fuhr zur Farm in Wisconsin, kam der Bericht zu den langen, oft einsamen Strecken über den südlichen Mittelwesten bis zu den Nationalparks des Südwestens der USA.

Nach einigen eisigen Nächten auf dem Canyonplateau, gefolgt von  traumhaft sonnig klaren Tagen in relativer Einsamkeit, war ich von den vielen Menschen im Bryce Canyon Nationalpark und besonders im Zion NP richtig überfordert. Die Campingplatzsuche gestaltete sich zunehmend schwierig und ich hatte Lust auf ein bisschen Luxus.

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