Gefangen genommen am 28.3.1945, entlassen am 29.8.1945

Tagebuch Persönliche Anmerkungen

Die letzten Tage habe ich abends, nach der Arbeit, mit meinem Vater in der Gefangenschaft verbracht. Die letzten Tage im Krieg, die Gefangennahme, das Lager in Cherbourg, die Verschiffung Richtung Amerika, die Rückkehr ohne amerikanischen Boden betreten zu haben und das Lager in Bolbec. Ein kleines bisschen war ich kurze Zeit mit dabei. Nein, Freude hat es mir keine gemacht, aber es hat mich reingezogen. Beim Lesen und Schreiben musste ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass dies hier von dem Menschen geschrieben war, den ich 57 Jahre meines Lebens kannte. Und dass dieser junge Mann gerade mal 18 Jahre alt war, als er 1944 zur Fliegerabwehr eingezogen wurde und kurz nach seinem 19. Geburtstag in Gefangenschaft geriet. Was haben wir in diesem Alter so gemacht?

So sehr hätte ich mir heute gewünscht, dass wir dieses Tagebuch früher gefunden, dass er es uns gezeigt hätte. So vieles würde ich fragen und ergänzen wollen. Aber ich kann akzeptieren, dass es das gute Recht meines Vaters war, das Erlebte nicht aufzuwärmen. Wie ich schon kurz nach seinem Tod geschrieben habe, seine Art war es, die lustigen Geschichten zu erzählen und das Schreckliche damit einzuhüllen.

Ich habe für mich, für meine Familie und einfach, weil ich möchte, dass es nicht in Vergessenheit gerät, das Tagebuch meines Vaters abgetippt.

Sicher bin ich mir nicht, ob eine Veröffentlichung in Ordnung ist. Ich möchte deshalb das Tagebuch unkommentiert, ohne Wertung und unverändert hier stehen sehen. Ich habe den Text unkorrigiert abgeschrieben und nur bei Unklarheiten (Namen und Orte, die ich nicht entziffern konnte) Fragezeichen oder Anmerkungen in Klammern gesetzt.

Tagebuch des Kriegsgefangenen Gerhard Wagner
Kriegs-Gef. Nr. 2.612.250
angefertigt im Lager von Bolbec am 19.5.1945
gefangen genommen am 28.3.1945
entlassen am 29.8.1945

„Nachdem wir am 26.3.45, Montag – wobei ich als letzter von der Buderius-Mühle (bei St. Goarshausen A.d.R.) wegging, in welcher ich Uffz. Tillner, unseren Vermittlungs-Tr.-Führer suchte, ihn aber nicht fand, weil er schon nach Lierschied gegangen war, um die dahingehende Leitung aufzubauen, gab es jedoch auf, weil der Ami schon hinter uns war – um ca. 6 Uhr Stellungswechsel machten, lagen wir mit einem Geschütz, das wir aus St. Goarshausen noch retteten, zur Strassensicherung etwa 3 km hinter Reichenberg. Die Nacht über schliefen wir im Strassengraben und in der Frühe gings über Oberwallmenach – wobei ich bei schwerem Arie-Beschuss (vermutlich Artillerie A.d.R.) auf diese Ortschaft unseren Funktrupp suchte, der schon vorausgegangen war (Auftrag erfüllt) – mit dem Fahrrad nach Lautert. Am Vormittag nahm uns der Ami dann unser letztes Geschütz und den Zug Wagner noch weg. Hier blieb auch unser Stolz von Bremm (??), der Trecker mit unserem N. Gerät (??) und unserem Gepäck, Ausnahme unser Sturmgepäck. Wir setzten uns danach über Laufenselden, Dörsdorf nach Kettenbach ab. Dort aßen wir nochmals gut und tüchtig Kalbsbraten mit schöner Sosse, genug Brot, und legten uns dann mit bleiernen, hundsmüden Gliedern auf’s Stroh.

Am frühen Morgen schon Fliegeralarm, später gegen 10 Uhr Stellungswechsel. An diesem Tage sollte es bei Idstein im Taunus über die Rollbahn gehen.

Der verhängnisvolle Tag.

Es war am Mittwoch, den 28.3.1945. Immer weiter zu Fuss, hungrig und durstig. Kurz vor Pandorf (?), hier sollte es laut neuester Nachrichtenübermittlung über die Rollbahn gehen, also etwa 1-2 km davor, blieben wir den ganzen Nachmittag im Wald. Dann ging der Zauber los. (Etwas ähnliches war es auch auf der Vermittlung in der Buderius-Mühle). Alles strömte nach vorne, alles nach rückwärts. Vor uns, hinter uns, links und rechts, überall Feind, Arie, K.w.K. (??), Granatwerfer usw., und wir mittendrin, auf engstem Raume zusammengedrängt. Hier im Wald sahen wir einen Tross, die Verpflegung von einer Division (hatten): Butter, Fett, Weisbrot, Komisbrot, Marmelade, Eingemachtes (Obst, Mirabellen usw.), Margarine, Schokolade und Rauchwaren, Zigaretten, Zigarren, Tabak. Mit den Füßen wurde es zertreten. Nie sah man jedoch als Landser diese Kostbarkeiten. So kamen viele Sachen um.

Durch plötzlich kommendes Feuer von vorne, flüchtete alles in wildem Durcheinander in den Wald hinein. Am Abend gegen 6 Uhr standen wir vor Pandorf, welches besetzt war. Am Waldrand verweilten wir noch etwas, dann gings von neuem los. Vom Dorf her und von den hinter uns durch den Wald kommenden Panzern bekamen wir starkes Feuer. Ohne automatische Waffen gegen Panzer zu kämpfen war unmöglich. Inzwischen war ich dann noch alleine von Fla. 66. (Flugabwehr A.d.R.)

Mit anderen Landsern von verschiedenen Einheiten zusammen mussten wir uns dann den Umständen entsprechend, bedingt durch die Lage, abends gegen 7 (19 Uhr) ergeben.

Im Ort eine ganz oberflächliche Untersuchung nach Waffen, wobei sie besonders scharf auf Uhren waren, die Posten aber äußerst anständig. In einem Saal verbrachten wir dann die Nacht und, während laufend andere Gefangene eingeliefert wurden, am Morgen mit einem langen Zug, wo ich auch Fw. (Feldwebel A.d.R.) Eilers traf und von ihm erfuhr, dass alle, bis auf Lejeune, am Schluss des Zuges marschieren würden, in einem schier endlos scheinenden Marsch über die Autobahn bis nach Elz zum Gefangenen-Lager. Als wir dann von unserem Btl. zusammen kamen, waren wir noch 24 Mann stark

Am dritten Tag im Gefangenen-Lager Elz bekamen wir diese amerikanischen Büchsen zu essen. Am 1.4. wurden wir mit Lastautos nach Jülpich gebracht. Eine Nacht im Sammellager, bekamen wir erst wieder Büchsen für die Fahrt.

In Elz sahen wir dann auch noch die vor uns weggefahrenen Offiziere von Fla.Btl. 66, darunter auch unser Chef Neugebauer. Strecher (?) stiess ebenfalls noch zu uns.

In Jülpich gings abends weg im Zugtransport mit 72 Mann pro Waggon über … nach Namur (Belgien A.d.R.). Dort mussten wir eine Nacht draussen in strömendem Regen, alles naß, batschig und matschig, verbringen. Morgens gabs dann warme süsse Suppe und ein Stück Weisbrot, was uns sehr gut tat. Um 15 00 Uhr ging es weg mit einem Güterzug durch Belgien, Frankreich nach Cherbourg. Hier kamen wir nach 3-tägiger Bahnfahrt mit 11 Büchsen Verpflegung für die drei Tage, äusserst durstig, in der Nacht von Freitag auf Samstag 6.-7. April an. Hier bekamen wir gleich Kaffee und Decken und konnten uns mit 40 Mann in einem Zelt aufhalten und schlafen.

Die Bevölkerung durch Belgien war sehr verhasst, dies zeigten uns allerhand Gebärden, Zeichen und Ausrufe. In Namur standen sie, als wir ausgeladen wurden, regelrecht Spalier. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Durch Frankreich war es nicht so schlimm. Nun mit 60 Mann bloss im Waggon führte uns die Fahrt über Soissons, Compiegne, Paris, Caen, Cherbourg. Hier verliefen alle Tage eintönig. Fast vollkommen ohne Arbeit kamen wir am 14.4. einmal dran mit Steinetragen, Holztragen usw. Es war keine schwere körperliche Arbeit zu verrichten.

Es gab sonst keine weiter keine besonderen Vorkommnisse.

Dann kam der Tag, an dem wir von Cage 15 (Cages waren ‚Zwischenlager‘ aus dem amerikanischen cage = Käfig A.d.R.) nach Cage 13 übersiedelten. Da wurden wir dann Arbeitskompanie. Die Verpflegung war besser. Diese Freude hatten wir jedoch nur einen Tag, denn es kamen immer mehr Gefangene und somit gabs auch weniger zu essen.

Karlheinz Bernhardt, mein Kamerad, der einzige noch, der von Fla. 66 bei mir war, verliess mich. Er kam ins Stammlager Cage 8. In Cage 13 sah ich ihn zum letzten Mal. Nun war ich noch alleine von unserem Btl.

Von Cage 13 kamen wir nach Cage 17 ins Verschiffungslager. Die Verpflegung war etwas besser. ¼ Weisbrot pro Tag, am abend und jeden 2. Tag Milchsuppe. Durch die 70% Kürzung war das Essen ziemlich knapp.

Nachdem wir auch im Cage 17 registriert wurden und ich die Nummer 31 G 2.612.250 erhielt, blieben wir noch einen Tag da. Abends kamen wir nach Cage 13, am nächsten morgen wurden wir verlesen, und kamen daraufhin weg nach dem Cherbourger Hafen. Hier gings auf ein Schiff von zirka 8-9000 Tonnen. Es war am 6.5. nachmittags um 14.10 Uhr als ich das Schiff betrat. Abends stachen wir dann in See, fuhren jedoch immer an der Küste entlang. Im Klaren waren wir uns noch nicht, wohin es ging. Am 6. abends bekamen wir zu essen. Kalt, unser Heisshunger wurde lange nicht gestillt. Am nächsten und den darauffolgenden Tagen gabs morgens warm, 3-4 Esslöffel voll und 1-3 Keks, abends dasselbe. Kaffee ein Becher voll. Das Essen war sehr wenig, aber gut. Am Dienstag früh gings dann, nachdem wir die ganze Zeit wohl auf den Geleitzug gewartet haben, in einem Convoi von zirka 36 Schiffen ab in Richtung Amerika. Die Fahrt war sehr langweilig. In einem Raum mit 250 Gefangenen konnten wir die Füsse wegen Platzmangel nicht ausstrecken. Auch war keine Waschgelegenheit und keine richtige Toilettenanlage vorhanden. Am 3. Tag wurde ich seekrank. Das dauerte jedoch nur 2 Tage. Besonders stark war sie nicht gewesen. Am 8.5. durften wir zum 1. mal ½ Stunde an Deck. Nun sahen wir, dass wir in einem Geleit fuhren. Ringsum nur Wasser, Himmel und Schiffe. Immer schon waren wir am rechnen, wann kommen wir an?? Jeder wusste eine andere Zeit. So vergingen mit Nichtstun die ersten 4-5 Tage. Reger Tauschhandel fand täglich zwischen der Schiffsbesatzung und den Gefangenen statt. Wobei in der Hauptsache Zigaretten gegen Geld, Schmuckstücke usw. eingehandelt wurden, weniger jedoch Esswaren.

In Cherbourg hörten wir durch den Lautsprecher so ziemlich die neuesten Nachrichten. Verschiedene Parolen und Gerüchte gingen herum, aber nie hörte man was amtliches.

Im Schiff hörten wir durch den Dolmetscher, daß der Krieg aus ist, und Deutschland bedingungslos kapituliert hätte. Das war für uns eine unheimlich grosse Freude. Ganz plötzlich brachte dann jemand die Parole mit, der Ami hätte gesagt, wir führen zurück. Der eine glaubt dran, der andere nicht. So vergingen viele Stunden. Bis wir dann am Stand der Sonne sahen, daß wir aus dem Geleit ausscherten. Ein neuer Funke Hoffnung flammte auf. 1 ½ Tage fuhren wir mit südwest-süd-Kurs. 4 Schiffe sahen wir, die den gleichen Kurs fuhren. Eines davon ragte auch hoch aus dem Wasser, anzunehmen, was später auch zutraf, daß sich ebenfalls Gefangene darauf befinden. Die beiden andere Schiffe waren Begleitfahrzeuge. 2-3 Tage fuhren wir 4 alleine, bis wir in ein neues Geleit mit Kurs Ost anliefen. Jetzt war es für uns klar, daß wir wieder zurück fuhren. Zumal es ausschliesslich schwer bewachte und voll beladene Dampfer waren, was man aus ihrem Tiefgang ersehen konnte.

Am 11.5.45 kamen wir dann mit 500 Mann in einen besseren und schöneren Raum. Betten, Aborte, fliessendes Wasser waren die Herrlichkeiten. Ich selbst mit noch vielen anderen jungen Kameraden hatten kein Bett. Zuerst bekamen die Kranken und älteren eins. Ich lag unter einem Bett ziemlich dürftig, aber man konnte sich waschen, brausen und auch lange ausstrecken.

Nachdem wir vier Tage gefahren waren, kam endlich die Küste in Sicht. Stunden fuhren wir nach Osten. Je mehr, umso besser. Wohin werden sie uns bringen? Wo werden wir ausgeladen? Verschiedene Parolen. Vielleicht Hamburg? Tausend Fragen stürmten auf uns ein. Keine konnte beantwortet werden. Weitere Tage vergingen. Immer noch nicht wurden wir ausgeladen. …(??) liefen wir an, auch hier kamen wir nicht an Land. Dann hörten wir, dass am 17. morgens die Anker ausgeworfen wurden. Morgens gab es nochmal Verpflegung, ziemlich dürftig. Wir blieben danach noch bis nachmittags im Schiff. Immer wieder musste der Raum, in dem wir waren, gereinigt werden, weil er noch nicht sauber war.

Um 15 00 Uhr betraten wir dann wieder europäischen Boden. Jeder war froh und glücklich. Den Dampfer William T. Barris (?) liessen wir hinter uns. Auf ein Lastauto verladen fuhren wir durch Le Havre nach dem Durchgangslager Bolbec. Am ersten Tag ohne Verpflegung bekamen wir am folgenden morgen Erbsensuppe. Danach wurden wir verlesen und kamen von Cage 13 nach Cage 1. Aufs genaueste untersucht bekamen wir hier endlich zu essen, nachdem man uns wieder den ganzen Tag hatte hungern lassen und wurden danach in verschiedene Kompanien eingeteilt. Ich kam in die H = Heimat-Kompanie. Mit 31 Mann in den Zelten ist das Lager schöner, aber auch strengere Behandlung wie in Cherbourg.

Pfingsten. Als schönstes an diesem Tag bekamen wir essen. Mittags Suppe und Pudding. Andern tags und nacht hatte ein jeder Durchfall. Auch bekamen 2 Mann eine Decke, die dann später ergänzt wurde durch eine weitere, nun hatte jeder eine. Die 2 vergangenen Nächte haben wir ohne geschlafen.

Ich liege im Zelt und denke an zu Hause, draußen gießt es in Strömen. Wie schön war es immer an Pfingsten. Am morgen gingen wir zur Kirche und empfingen das hl. Abendmahl. Bertachen (die jüngere Schwester A.d.R.) wurde an Ostern konfirmiert. Jetzt ist auch sie schon aus der Schule. Wer hätte an meiner Konfirmation gedacht, daß ich an Bertachen seiner nicht zu Hause bin? Wie mochte sie gefeiert worden sein? In diesen Tagen wurde ich gerade gefangen genommen. Als besonderes Zeichen des heutigen Tages wurden mir endlich nach vielem vergebenen Bemühen die Haare geschnitten. Zu Pfingst-Sonntag habe ich dies zu Hause immer getan. Diesmal waren sie jedoch besonders lang, denn ich hatte sie seit Mitte Februar das letzte Mal von Siegfried Gröll in Bremm, kurz vor seinem Urlaubsantritt, geschnitten bekommen. Heute haben wir schon den 20.5.45. 5cm lang war das mindeste. So hätte mich mein Vater sehen müssen.

In der 9. Woche bin ich nun schon gefangen. Wie schnell doch die Zeit vergeht.

Eine Woche später am Sonntag darauf, sind wir immer noch da. Auch da gab es zwei mal und nochmal am Mittag essen. Das Wetter ist ziemlich schlecht. Regen und Wind wechseln mit Sonnenschein ab.

Unsere H-Kompanie wird immer kleiner, andere Kompanien werden mit unseren Leuten aufgefüllt. Wir sind bald Stammannschaft geworden. Einmal kommen wir jedoch auch hier heraus. Wenn es mehr zu essen gäbe, könnte man es schon eher aushalten. Heute, am 1. Juni, gehen wieder 4 Kompanien von unserem Cage weg. Wohin sie kommen, weiss niemand. Heute morgen kochte unsere Küche zum ersten Mal Kaffee.

Am Sonntag, den 3. Juni bekamen wir nur 2 mal essen. Gestern, den 5. Juni mussten 3 Kompanien mit Gepäck auf der Liegewiese antreten. Da kam die grosse Überraschung: die kommen nach Hause. Es sind nur Landwirte, Eisenbahner und Bergleute. Der Anfang ist getan. Es sind die ersten, die von hier entlassen werden. Bis zum 7. Juni sollten sie in diesem Lager als Gefangene betrachtet werden. Wir werden hoffentlich auch bald an der Reihe sein.

Dieser Transport ist weg, bald folgte er nächste. Dann einige Tage Ruhe, kein Mensch kam und keiner ging ging.

Wir von der H-Kompanie wurden mit der C-Kompanie zusammen gewürfelt. Nach diesem 3-maligen Umziehen zogen wir von Zelt 100 in Zelt 25.

Am vergangenen Sonntag bekamen wir wieder unser 3-maliges essen. Heute haben wir Mittwoch den 13. Juni. Es ist ein Tag vor Mutters Geburtstag. Wie mögen sie ihn zu Hause feiern? Ohne mich? Vielleicht wissen sie noch gar nicht, ob ich noch am Leben bin. Nächstes Jahr werde ich ihr wohl hoffentlich selbst die Hand drücken dürfen und ihr zum Geburtstag alles Gute wünschen. Jetzt werden die Erdbeeren und die Kirschen voll reif sein. Hier dagegen merkt man garnichts vom Sommer. Es ist immer noch kalt im Vergleich zur jetzigen Jahreszeit.

Heute, Mittwoch den 13. Juni 45, bin ich 11 Wochen in amerikanischer Gefangenschaft. Der Russe hätte schon viele seiner Gefangenen ausgeliefert, heisst es in verschiedenen Parolen, die man im Lager hört. Durch den französischen Eisenbahner-Streik konnten keine Transporte weggehen, daher auch die Ruhe, die erwähnt wurde.

Heute haben wir schon wieder Sonntag. Es ist der 5. Sonntag schon, den wir hier in Bolbec erleben. Wie gewöhnlich gab es heute 3 mal essen. Jedoch die anderen Mahlzeiten in 3 aufgeteilt.

Montags darauf sahen wir auf unserer Liegewiese einen bunten Nachmittag. Es waren wieder ein paar Stunden vergessen in unserer Gefangenschaft. Es war ganz nett. Unter anderem sahen wir auch den dreimaligen Europameister im Ringen und Olympia-Kandidat von Dung Karl von Mannheim (???) in einem Ringkampf mit einem Gaumeister in dem er durch Schulterzug den Sieg davontrug.

Samstag danach kam endlich wieder einmal die PW-Kapelle (Prisoner of War A.d.R.) zu uns. 2 Stunden spielte sie uns auf ihren selbstgebastelten Instrumenten ihre Lieder vor. Sehr schön waren diese 2 Stunden, da man wieder was anderes sehen und hören konnte.

Im Lager selbst ist weiter nichts besonderes los. Arbeitskompanien kommen und gehen. D=U-Leute (dienstuntauglich?? A.d.R.) kommen täglich vom Revier in die nun schon bereits aus 4 Kompanien bestehende Kranken-Kompanie. Bald wird die Zeit reif sein, und auch wir kommen wieder hier heraus.

Heute ist Sonntag, der 24. Juni. In 4 Wochen hat Bertachen Geburtstag, kurz darauf Grossvater, wo ich dann wohl sein mag? Es gibt wieder 3 mal essen. Wieder ist Sonntag. Wie jeder andere, so verläuft auch dieser. Die kommende Woche arbeite ich. Am Samstag kam wieder die PW-Kapelle zu uns. 2 Stunden hörten wir schöne deutsche Musik. Dieses mal war ihre Musik schöner denn je zuvor. Einige Tage davor war D=U-Unterscuhung, bei welcher ich auch D.-u. geschrieben wurde, und darauf hin in die D=u-Kompanie Berta kam. Am Samstag traf ich endlich auch einen Dorfkameraden. Henn Wilhelm, er liegt auch hier im Lager. Inzwischen war wieder ‚Bunter Nachmittag‘. Es war recht nett gestaltet. Nun, Sonntag, den 8. Juli gabs 3 mal essen, und so unterschiedliche Parolen, daß es kommende Woche abgehen soll?

Die nächsten 8 Tage verlaufen ohne daß sich etwas ereignet. Sonntag 3x essen. Montag alles mit Gepäck antreten. Wir werden verlegt nach Cage 5. Hier hörten wir gleich am Tage darauf wieder Musik. Nachdem wir hier ein paar Tage blieben, kamen wir mit 2000 Mann in Cage 4. Henn Wilhelm blieb in 5. Cage 4 ist eines der schönsten, die ich antraf. Montag spielte hier wieder die PoW-Kapelle. Heute den 24. Juli hat Bertachen Geburtstag. Hoffentlich feiert sie ihn schön. In 4 Tagen hat Großvater. Ob er noch in Eppstein ist?

Nun ist auch Großvaters Geburtstag. Er wird 81 Jahre alt. Vergangenen Montag hörten wir unsere Kapelle wieder spielen.

Heute haben wir den 1. August. Emmi hat Geburtstag. Sonst sind keine besonderen Vorkommnisse. Heute abend 18 30 Uhr bin ich 18 Wochen in amerikanischer Gefangenschaft.

Am 10. 8. verließen wir auch Cage 4 und kamen in Cage 7. Am 14. August wurden wir registriert und die Entlassungspapiere wurden fertig gemacht. Heute, Sonntag den 19. August erhielten wir 4 Päckchen Teebäck.“

Ergänzung, was kam danach

Am 19. August endet das Tagebuch abrupt. Tatsächlich entlassen worden ist mein Vater aber erst am 29. 8.1945. Ob das der Tag der Ankunft zu Hause war oder der Tag, der auf den Entlassungspapieren steht, kann ich nicht sagen. Seinen Erzählungen nach sind sie in mehreren Tagen mit dem Zug durch Frankreich, über den Rhein bis nach Mannheim gebracht worden. Dort wurden sie aus dem Zug gelassen und waren auf sich gestellt. Mit ein paar Kameraden aus der selben Heimatecke hat er sich dann zu Fuß,  Aufspringen auf Züge und trampen durchgeschlagen bis nach Hause. Dieses Zuhause lag im damaligen Saargebiet, das nach dem Krieg Frankreich zugehörig war. Dies bedeutete, er musste – gerade aus Frankreich aus dem Lager entlassen – die Grenze nach Frankreich wieder überschreiten, um zurück zu den Eltern zu kommen.

In dem recht zerfledderten und mit Bleistift geführten Tagebuch, befinden sich auch ein paar Seiten mit Zeichnungen, Gedichten und ein paar französische Vokabeln.

„Die Verbrennungsanlage für Branntwein“ ist schon ein ganz besonderes Schätzchen. Ich finde es passt, dass mein Vater später nach Bingen auf die Ingenieurschule gegangen ist 😉

 

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