Nun ade … ich geh nun fort

Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte mein Vater kurz hintereinander zwei Schlaganfälle. Er war damals 91 Jahre alt. Unglaublicherweise hat er sich davon erholt.

Geistig immer noch fit, körperlich leider nicht mehr so, hat er zwei weitere Jahre durchgehalten. Viel lag sicher daran, dass er – wie er selber sagte – die Mama (gleich alt) nicht alleine lassen konnte und wollte.

Vor ein paar Tagen nun, am 7. Mai, wollte er nicht mehr.
Letztlich trotz seines Alters von 93 Jahren, für uns alle überraschend schnell. Mein Bruder rief mich abends an und meinte, ich solle mal lieber gleich am nächsten Morgen nach Trier kommen, eine Stunde später war der Vater schon eingeschlafen.

Er wollte nicht mehr. Man könnte meinen, sein sturer Kopf hat beschlossen „es reicht jetzt“ und hat es dann durchgezogen.

Mich hat als erstes ein Gefühl der Erleichterung erreicht, weil es schnell ging, ohne langes Leiden. Mit 93 hat man das Recht zu sagen „ich will nicht mehr“. Das Leben ist gelebt und so vieles fällt eigentlich nur noch schwer. Wir haben ihm versprochen, dass er in kein Krankenhaus mehr muss, das hat ihn am Ende wohl beruhigt gehen lassen.

Meine Mutter war bei ihm und das war wichtig für sie. Dass sie nach 59 Ehejahren – nicht wirklich die besten, aber was spielt das am Ende für eine Rolle? – noch nicht realisiert hat, dass sie jetzt alleine ist, ist nachvollziehbar. Es macht uns Sorgen, aber sie wird es hinkriegen.

Die Eltern sind seit drei Jahren im Heim. Sie waren nie glücklich dort, haben mit dem Umzug, dem Verlust ihres Hauses und somit ihrer Selbstbestimmtheit keinen Frieden geschlossen. Mir hat das für die beiden immer leid getan. Um wie viel schöner hätte ihr gemeinsamer Lebensabend verlaufen können. Aber das Glück der Eltern liegt nicht in der Verantwortung der Kinder.

So trauern wir in unserer Kleinfamilie jeder auf seine Art und jeder ein bisschen alleine.

Ich habe mit meinem Papa lange schon Frieden geschlossen. Das ist wohl das Privileg der Tochter. Bei meinem letzten Besuch drei Wochen zuvor, haben wir uns angeregt über seine Vergangenheit unterhalten. Das waren immer die besten Momente in unserer Vater-Tochter-Beziehung. Ich bin heute froh über diese letzte Erinnerung. Genau so möchte ich an ihn denken. An die guten Seiten, seine Begeisterung für seine Arbeit, seine Emotionalität, die so oft in Wutausbrüchen zum Ausdruck kam und ihm in gleichem Maße ein entschuldigendes „sind wir wieder gut?“ ermöglichte und nicht zuletzt seinen unerschütterlichen Humor.

Ich trauere. Ich wusste immer, dass der Verlust meines Vaters mir nahegehen würde. Das ist in Ordnung so. Zugleich bin ich erleichtert, dass er es geschafft hat und nur ein bisschen hat darum kämpfen müssen. Der Gedanke, dass er es irgendwie hinbekommen hat sich davonzuschleichen, lässt mich schmunzeln. Das sieht ihm ähnlich.

4 Gedanken zu „Nun ade … ich geh nun fort“

  1. Welch ein schöner Text zum Abschied.

    So persönlich, so versöhnlich, so offen.
    Ich kann nur vermuten, Deinem Vater hätte gefallen, wie Du über ihn geschrieben hast.

    Mein Beileid.
    Lutz

  2. Liebe Claudia,
    ich hab das ja nun schon dreißig Jahre hinter mir – aber ich kann mich noch gut dran erinnern. Von daher also mein tiefempfundenes Mitgefühl. Aber wie Du selber sagst – mit 93 hat man sein Leben gelebt, und für den Betroffenen selber ist das sicher ein schöner Tod.
    Klar, dass jetzt erstmal Trier und Beerdigung anstehen. Aber danach sollte ein bisschen Komfortzeit für Dich drin sein, Alleinsein, nachdenken, entspannen. Nimm Dir dafür Zeit, es hilft.
    Ganz liebe Grüße aus Beirut
    Michael

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