Neufundland, eine Entdeckungsreise

Neufundland, wie bist du denn darauf gekommen?

Das war sowohl vor als auch während der Reise die meist gestellte Frage. Zwangsläufig musste ich auch mir dazu eine Antwort überlegen. Wie bin ich denn eigentlich auf den Gedanken gekommen?

Ich denke es hatte einiges mit der Vorjahresreise nach Alaska zu tun. Und mit ein paar Abschieden von geliebten Menschen in 2022. Denn eigentlich sollte Alaska für eine lange Zeit die letzte große Reise gewesen sein. Aber dann kam das Sterben oder das Bewusstsein des Lebens dazwischen und ich beschloss meinem Gabriel Garcia Marquez Blog-Motto „Egal was passiert, niemand kann dir die Tänze nehmen, die du schon getanzt hast“ treu zu bleiben.

Alaska wird auf meiner ‚da möchte ich wieder hin‘-Liste bleiben. Aber es sollte etwas völlig anderes werden. Nur der Norden, das Eis, gerne kühler waren Grundvoraussetzungen. Ein Blick auf meine an der Wand hängende Weltkarte fiel zufällig genau auf Neufundland. Ein Besuch bei meinem immer gerne hoch gelobten besten aller Travel Agents ließ einen Flug dorthin als gar nicht so kompliziert erscheinen, wie ich zuerst dachte. Einmal in Montreal oder Toronto umsteigen, schwups ist man in St. John’s der Hauptstadt der kanadischen Provinz von Newfoundland and Labrador.

So wurde die Frage nach dem ‚warum‘ von mir während der Reise kurz und bündig beantwortet mit ‚weil ich da noch nie war, ich niemanden kenne, der da schon war und Neufundland als Reiseziel eher unbekannt ist‘. Erst dann habe ich begonnen mich ein wenig mit dieser östlichsten Insel Nordamerikas zu beschäftigen.

Es lohnt sich, soviel sei vorab schonmal gesagt.

Besonders hilfreich bei der Vorbereitung war das Newfoundland and Labrador Tourism Office, das mir kostenlos eine richtig gute Straßenkarte und Reiseliteratur zusendete. Tatsächlich gibt es nämlich keinen guten Reiseführer zu Neufundland.

Meine grobe Route. Vieles im Süden musste ich weglassen, da es immer nur eine Straße gibt und keine Autofährverbindungen zwischen den südlichen Küstenstädten. Dafür waren die zwei Wochen leider zu kurz.

Reisezeit Anfang Mai

Wie bereits letztes Jahr hatte ich als Reisezeit die ersten Maiwochen gewählt. Zum einen, weil ich da gut Urlaub nehmen kann. Zum anderen weil sich auch gezeigt hat, dass in Neufundland noch keine Saison ist, ich spontan reisen konnte und nichts vorbuchen musste.

Eine Tatsache, die ihre Vor- und Nachteile hatte. Das ursprünglich geplante Zelten hatte ich nach Studium der Reiseliteratur verworfen, denn praktisch kein Campingplatz hatte geöffnet. Hätte ich gewusst, dass ich ein Mietauto erhalte, das groß genug zum Schlafen war und dass man in Neufundland in der Nicht-Saison überall frei campen darf, dann wären andere Ausrüstungsgegenstände in meinen Koffer gewandert. Aber das ‚Hätte‘ und ‚Wäre‘ hilft im Nachhinein nicht viel, außer, dass ich es als Tipp weitergeben kann 😉 . Und wenn ich ganz ehrlich bin, in einem Bett schlafen war schon gemütlicher.

Die Saison in Neufundland fängt erst im Juni so richtig an. Ab Ende Mai öffnet einiges, aber Anfang Mai musste ich öfter mal länger nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Letztlich hat es immer geklappt. Die Insel ist eher britisch geprägt und so gibt es wenige Hotels, eher Bed ’n Breakfast oder ein Inn. Für Alleinreisende ist das eine prima Gelegenheit mal mit Menschen ins Gespräch zu kommen, vor allem da eben noch kaum andere Reisende unterwegs sind.

Sehr zu meinem Bedauern hatten auch die meisten Restaurants noch geschlossen. Nur in größeren Orten gab es ein oder zwei offene. Und das wurde dann genüsslich genutzt zum Fisch essen. Cod fish (Kabeljau) und auch mal Heilbutt, fish chowder, fish and chips, meine einseitig klingende Menüwahl. Alles frisch aus dem Meer und super lecker. Frühstück hatte ich öfter mal inkludiert, wenn nicht, dann gab es das auf meinen Reisen obligatorische Müsli-Frühstück, das am Beginn der Reise eingekauft wurde.

Ein Fisch-Teller im Restaurant Fish chowder in NeufundlandDie National Parks Terra Nova und Gros Morne waren noch geschlossen. Im Gros Morne konnte man allerdings die Wanderungen auf eigene Faust machen. Auch die Wikinger-Stadt L’Anse aux Meadows konnte nur in den Außenanlagen angeschaut werden.

Im Gros Morne National Park
L’Anse aux Meadows

Die Natur ist noch völlig im Winterschlaf, kein Blatt an den Bäumen, von irgendetwas Blühendem will ich gar nicht reden. Darüber muss man sich Anfang Mai im Klaren sein. Im Gegenzug Packeis und Eisberge. Ziemlich cool.

Sollte ich hier einen Tipp für eine gute Reisezeit abgeben, dann würde ich sagen Mitte bis Ende Mai. Es hat einiges mehr auf, die Eisberge sind noch da (im Juni wird es damit schon eng), es ist noch nicht völlig überlaufen (hab ich mir sagen lassen) und vielleicht bekommt man Puffins und erste Wale zu Gesicht.

Unterwegs in Neufundland

Da ich in Alaska gut mit einem sehr kleinen SUV zurecht kam, war das auch für Neufundland meine Wahl des Mietautos. Dass ich ein Upgrade auf einen großen SUV bekam (frisch vom Händler) war erstmal ein kurzer ‚ups, so ein großes Auto bin ich noch nie gefahren‘-Moment und dann hab ich es genossen. Die Straßen sind natürlich breit genug, wir sind ja in Kanada, und nicht immer in bestem Zustand. Eines der häufigsten Schilder heißt ‚potholes ahead‘. Gleich danach folgen Warnungen vor Elchen und Caribous. Zudem ist die ein oder andere kurze Strecke auf einer dirt road zu fahren, da freut es, wenn das Auto genug Bodenfreiheit hat.

Caribou am Straßenrand

Neufundland ist nicht ganz so klein, wie man denken könnte, am Ende der zwei Wochen waren es 3400 gefahrene Kilometer und ich habe bei weitem nicht alles erkunden können. Zudem ist es ein bisschen ‚verzipfelt‘ und in etliche entlegene Ecken gibt es nur eine Straße, die dann eben zweimal gefahren werden muss.

Die Hauptverbindung ist der Trans Canada Highway (T.C.H.), der in St. John’s am östlichsten Punkt Kanadas beginnt und quer durchs Land bis nach Vancouver Island führt. Alle anderen Straßen sind kleine, mit Schlaglöchern versehene Straßen mit Höchstgeschwindigkeit 80km/h. Wirklich viele Autos sind allerdings auch nicht unterwegs und für meinen Urlaubsmodus war das Fahren super entspannt.

auf dem T.C.H.

Die Route, erste Woche

Über Montreal (oder Toronto) einreisend landet man auf dem einzigen internationalen Flughafen Neufundlands in St. John’s. Alles eher klein und überschaubar, ein Gebäude, die Mietwagen zu Fuß erreichbar, das Tourism Office gleich da und alle sind freundlich und hilfbereit. St. John’s ist eine Stadt mit ca. 100.000 Einwohnern und der markante Kern besteht aus wunderschönen bunten Holzhäusern. Da hier zuerst die Iren waren, reiht sich in der Innenstadt ein Pub an den nächsten. Unerwarteterweise ist es ziemlich hügelig mit echt steilen Straßen. Und nicht weit entfernt ist ein markanter Aussichtspunkt, der Signal Hill.

bunte Holzhäuser in St. Johns Ich bin so gegen Mittag gelandet, war zügig in meinem Bed’n Breakfast und wollte den frühen Nachmittag nutzen die Stadt zu erkunden. Signal Hill hat mich magisch angezogen, irgendwo rauf find ich immer ganz toll. Dass ich mir dann die weite Route entlang der Klippen, über steile gefühlte 500 Treppenstufen ausgesucht habe, war eigentlich nicht der Plan. Egal, es hat nicht geregnet oder geschneit, die Aussicht und die Bewegung waren prima.

Blick von Signal Hill auf St. John`s

Meine erste Station auf der Insel sollte Bonavista sein. Ich hatte mich für zwei Nächste in einem Bed’n Breakfast eingebucht. Zuvor ein kurzer Abstecher zum östlichen Punkt Kanadas, dem Cape Spear. Hier hab ich einen kleinen Vorgeschmack auf ein lästiges Phänomen Neufundlands erhalten, den Nebel. Den super dichten Nebel, bei dem der Leuchtturm praktisch nicht zu sehen war, nur das Tuten des Nebelhorns zu hören.

Leuchtturm im Nebel Auf der Bonavista Halbinsel hatte ich zwei Tage nur Nebel. Gesehen hab ich praktisch nichts, keine Puffins, kein wildes blaues Meer, keine Sonne, keinen blauen Himmel. Das fing ja gut an.

Planänderung war angesagt. Ich hatte ja nichts gebucht und entschied von Tag zu Tag neu. Wenn der Osten nur Nebel für mich hat, dann fahr ich eben in den Westen. Da wollte ich sowieso hin, warum also nicht sofort.

Am nächsten Morgen also gen Westen. Zwei Fahrtage waren angesagt. Siehe da, irgendwann wurde es sonnig am Nachmittag. Yippie. Überraschung am nächsten Morgen, es hatte geschneit. Haha. Die Lektion, die ich in den ersten Tagen lernte und die sich bestätigte, das Wetter kann sich stündlich ändern, Vorhersagen sind mit Vorsicht zu genießen und in 100 Kilometern kann alles schon wieder anders sein.

Im Gros Morne National Park angekommen war der Himmel blau, was mich zu einer wenigstens kleinen Wanderung animierte. So früh im Jahr sind Visitor Center und einige Trails noch geschlossen, aber ein paar Wege kann man gehen. Es lag noch richtig viel Schnee, was nur eine Handvoll Wanderer bedeutete.Für den nächsten Tag war eine weite Strecke vorgesehen, entlang der Westküste bis hoch in den Norden nach St. Lunaire, wo ich mir die Wikinger-Siedlung L’Anse aux Meadows anschauen wollte.

Aber erst einmal gab es noch einen Stop mit knapp 1-stündiger Wanderung an der Küste. Im pfeifenden Wind, auch daran sollte man sich in Neufundland gewöhnen, das Meer auf der einen Seite rauschend, die Berge im Hintergrund. Kräftiges Durchatmen inklusive.

Das Fahren entlang der Küstenstraße war wunderschön. Ab und zu ein Caribou auf der Straße oder am Straßenrand, einmal ein Elch – der einzige der Reise, Hummerkästen, auf den Start der Fangsaison wartend, das Meer links, die Berge rechts. Ab und an Orte mit wenigen wie wahllos hingestellten Häusern, ohne Gärten, da vermutlich in diesem rauhen Klima eh nichts wächst. Weit im Norden, kurz nach dem Fährhafen Richtung Labrador, wird das Meer auf einmal weiß. Zuerst glaubte ich an eine optische Täuschung, dann das Erkennen. Ich war in der Packeis-Zone angekommen. Darüber hatte ich nichts gelesen und umso größer war meine Begeisterung. Packeis, das hatte ich noch nie gesehen. Wie fantastisch.

Packeis entlang einer KüstenstraßeVoll beschwingt ging es weiter bis St. Lunaire, wo ich mich für zwei Nächte in einer etwas anderen Unterkunft eingemietet hatte. Eine Schule, die nach und nach zu einem Inn umgewandelt wird, 2 große Apartments waren bereits fertig, ich hatte eines davon. Der Blick aus dem Fenster fiel auf eine kleine Bucht mit Packeis und Eisberg. Eine Abendwanderung bescherte den Ausblick aufs offene Meer. Das nahe gelegene Fischrestaurant ‚The Daily Catch‘ hatte gerade geöffnet. Das war ein Tag nach meinem Geschmack.

In der Nacht hatte es mal wieder geschneit. Ich war eben hoch im Norden, gefühlt nur ein Stück südlich von Grönland 😉 . Hab ich schon erwähnt, dass ich auf Kälte eingestellt war. In meinem Gepäck gab es eigentlich nur Winterklamotten. Gefroren hab ich nur im eisigen Wind, das dafür öfter mal.

An diesem Tag stand die Fahrt zur Wikinger-Siedlung an. Das Visitor Center hatte noch geschlossen, aber eine nette Dame hat mir dennoch aufgesperrt, mich die Ausstellung anschauen lassen und mir erklärt, wo ich parken kann, um zur Außenanlage zu gelangen. Außer mir war niemand unterwegs. Eigentlich stehen da nur eine Handvoll kleiner Hütten, aber es waren halt die Wikinger. Die Anlage ist nett an der Küste angelegt und man kann ein bisschen am Wasser spazieren. Ich gestehe, lange bin ich nicht geblieben, der Wind war einfach zu heftig und kalt. Trotzdem spannend. Letztlich bin ich ca. 700 Kilometer hin und zurück gefahren, um den Norden zu sehen, aber die Strecke hat sich super gelohnt.

Der linke Hügel ist die Siedlung

Viel mehr hab ich an diesem Tag gar nicht gemacht. Ich habe mein super warmes gemütliches Apartment genossen, mir dort was zum Mittagessen bereitet und die Zeit genutzt, die weitere Reise zu planen. Das Reisetagebuch wollte geschrieben werden und ich hatte eine Autorin entdeckt, deren Bücher genau dort spielten, wo ich gerade war. Es wurde ein richtiger bummeliger 5. Urlaubstag in Neufundland. Mir wurde bewusst, dass ich in dieser kurzen Zeit schon ganz schön viel erlebt hatte. Abends im Daily Catch warnte mich der Inhaber vor dem in der Nacht angekündigten heftigen Schneesturm. Ich sollte morgens lieber nicht zu lange warten mit der Weiterfahrt, weil Wind und Schneefall im Laufe des Vormittags schlimmer werden sollten.

Dinner im Daily Catch mit Blick auf die Eisschollen in der Bucht

Den Rat hab ich beherzigt und bin früher los. Dennoch war mir vor der Fahrt leicht mulmig, aber mit meinem großen schweren Auto und eigentlich fast freien Straßen war es weniger dramatisch wie erwartet. Und nach ca. 2 Stunden auf dem Weg zurück nach Süden kam sogar die Sonne raus.

Mein nächstes Ziel war Twillingate, die ‚Iceberg Alley‘, wo ich auf Sonne, Eisberge, eine Bootstour und Wanderungen spekulierte. Ob das funktioniert hat gibt es in einem zweiten Beitrag zu Neufundland zu lesen 🙂 .

 

 

 

 

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