Als ich zehn war und die Bilder farbig laufen lernten

Der geschätzte IronBlogger-Kollege Lutz Prauser hat ein schönes Thema aufgegriffen und die Blogparade ‚Als ich zehn war‘ ins Leben gerufen. Da komm ich jetzt natürlich nicht aus und habe mal in meinen Erinnerungen gekramt.

Tatsächlich war das Jahr als ich zehn war ein sehr prägendes. Denn, es war das Jahr der Olympischen Spiele in München, das Jahr als wir unseren ersten (Farb-)Fernseher bekamen. Ich vermute die Farbfernsehhersteller hatten 1972 das Jahr ihres Lebens, denn meine Familie wird nicht die einzige gewesen sein, die sich diesen Luxus aus Anlass der Olympischen Spiele zusammengespart hatte.

Wir wohnten damals in einem vierstöckigen Wohnblock mit 8 trier-sept-15-014Parteien und 13 Kindern. Wir hatten unsere eigene ‚Hausbande‘ und spielten immer draußen. Der Rhythmus war vorgegeben, Schule, umziehen (ja, die guten Sachen durften nur in der Schule und am Sonntag getragen werden), Essen, Hausaufgaben, raus, Abendessen, noch ein bisschen lesen und/oder spielen, schlafen. Viel später, als ich schon nicht mehr zuhause wohnte, habe ich meine Mutter mal gefragt, ob sie sich nicht Sorgen gemacht hat, dass sie uns zwei Kinder oft den ganzen Nachmittag nicht gesehen hat. Sie hat geantwortet ‚wenn ich gewusst hätte, was ihr alles so treibt, hätte ich mir noch mehr Sorgen gemacht‘. Wir hatten also größtmögliche Freiheit und haben sie oft auch (aus-)genutzt.

Unsere Straße war geprägt von Wohnblöcken und dazwischen befindlichen Wiesenstücken. Sie lag nur einen Steinwurf entfernt von der Mosel. Die Mosel war uns allen natürlich streng verboten – muss ich ja nichts zu sagen, oder? Letztlich hatte meine Mutter schon irgendwie recht, nicht alles wissen zu wollen.

Aber kommen wir zur eigentlichen Titelgeschichte.

Die Aufregung über den ersten Fernseher war groß, nicht nur bei uns Kindern. Klar wurde er nicht wirklich oft eingeschaltet zu Beginn und es gab ja auch nur drei Sender. Als die Olympischen Spiele begannen, saßen wir alle gebannt davor und haben mitgefiebert. Eines Tages durften wir Kinder nicht mehr schauen. Der Fernseher lief im Wohnzimmer, aber wir durften nicht rein. Wir lauschten und versuchten durch die Glastüre etwas zu erkennen. Die Situation war irgendwie, ohne zu wissen warum, bedrückend, verängstigend und gruselig. Man hat uns nie erklärt, warum das Anschauen der Wettkämpfe auf einmal für uns verboten war. Später, viel später, als ich erfahren habe, was damals passiert war, erinnerte ich mich dieser verstörten Kinder hinter der Glastüre und dem Gefühl, dass dort etwas Schreckliches abläuft, das in der kindlichen Phantasie eine ungeahnte Verstärkung erfuhr.

Im Laufe des Jahres als ich zehn war, wurde dieser Fernseher zum einen zu einer nicht mehr missen wollenden Gewohnheit, zum anderen führte er zu einer Wende im familiären Zusammenleben. Denn nun saß man – zumindest am Wochenende – des abends vor eben selbigem. Wochenendausflüge wurde auch mal zugunsten einer Sendung früher beendet. Der Vater zeigte auffallendes Interesse an Shows, in denen das Fernsehballett mitwirkte – die Show an sich war dann eher Mutterns Ding.

Und auch wenn es nur drei Programme gab, der Kampf um die Programmentscheidung war unerbittlich. Samstag Abend 18.00Uhr war Sportschau, basta. Sollte man meinen. Der Vater war der Entscheider, daran wurde nicht gerüttelt. Samstag Abend 18.00Uhr war aber auch Daktari. Hin und wieder gelang es mir mit einem (zugegeben fiesen) Trick die Sportschau zu übertrumpfen. In unserem Wohnhaus gab es keinen anderen Farbfernseher. So luden wir manchmal einfach ein paar Kinder aus dem Haus zu uns zum Daktari-gucken ein und gegen die geballte Macht der Nachbarskinder kam selbst mein Vater nicht an.

Als ich zehn war lernte ich die Welt der amerikanischen Serien kennen. Wir wechselten von Daktari zu Bonanza, High Chaparral, 77 Sunset Strip, Lassie, Flipper, Bezaubernde Jeannie und wie sie alle hießen. Es war uns streng verboten den Fernseher einzuschalten, wenn die Eltern nicht da waren (was quasi sowieso nie vorkam). Wir wissen, wie das mit den Verboten läuft. Letztlich haben wir uns immer mehr gegruselt als unterhalten beim verbotenen Schauen.

Das Jahr 1972 ist das Jahr, in dem ich zum Fußballfan wurde. Wenn der Trick mit Daktari nicht klappte, blieben wir natürlich trotzdem vor der Glotze hocken und schauten gemeinsam mit meinem Vater Sportschau. Spaß machte die Bundesliga nur, wenn man sich einen Favoriten aussuchte, das lernte ich schnell. Und sorry, ich war ein zehnjähriges Mädchen und schwer verliebt, in den kleinen Dänen Allan Simonsen, so wurde ‚mein‘ Club Gladbach. Interessanterweise mochten wir alle die Bayern damals schon nicht… 😉 Heute schlägt mein Herz (das muss so sein) für den FC Augsburg, aber das ist eine andere Geschichte.

Als ich zehn war ist doch mehr in der Welt und in meinem Leben passiert als ich dachte mich erinnern zu können. Von den historischen Ereignissen in unserem Land hat Lutz selber schon geschrieben – und auch ich habe noch immer die Plakate mit den gesuchten RAF-Terroristen in öffentlichen Gebäuden vor Augen.

Meine kleine Welt war geprägt von Schule, Familie, draußen spielen und meinem heiß geliebten Turnverein. 1972 war auch das Jahr in dem ich Vereinsmeisterin der Geräte-Turngruppe war und an sowas wie Gau-Kinderturnfesten teilgenommen habe. In unserem Hof gab es eine Teppichstange, überhaupt gab es damals überall Teppichstangen, und meistens hab ich an einer rumgehangen. Und wenn nicht draußen, dann eben an der Turnstange, die mein Vater uns im Flur montiert hatte.

als-ich-zehn-war Als ich zehn war

So war das als ich zehn war.

Wenn ihr wissen wollt, wie es anderen mit zehn so ergangen ist, dann schaut doch rein in die Beiträge der anderen beim Zwetschgenmann.

 

6 Gedanken zu „Als ich zehn war und die Bilder farbig laufen lernten“

  1. … danke für’s Mitmachen. Warum kommt mir so viel davon so bekannt vor. Die Freiheit, als Kinder draußen rumstromern zu dürfen, und es auch zu tun . „Bis die Laternen angehen, dann kommt Ihr heim“, hieß es.
    Oder der Farbfernseher, der zur Olympiade: 72 gekauft wurde – Genau wie bei uns.

  2. Hahaha, das mit dem Fernseher war bei uns genauso. Der erste farbige kam München ’72. Ich war da allerdings schon 12, fast 13. Mit 10 war ich im ersten Jahr auf dem Gymnasium, es war 1969. Ich muss gestehen, dass ich nicht mehr so arg viel aus dem Gedächtnis zaubern kann…

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