William Boyd ‚Die Fotografin‘ – Sweet Caress

William Boyd „Mein siebzig Jahre währendes Leben war erfüllt, unendlich traurig, faszinierend, komisch, absurd und beängstigend – manchmal jedenfalls -, schwierig, schmerzlich und voller Glück. Anders gesagt, kompliziert.“

Mit diesen Worten beschreibt Amory Clay – die Fotografin – ihr bewegtes Leben. Die Worte, die Autor William Boyd seiner Protagonistin in die Feder legt, könnte die Zusammenfassung eines jeden Lebens sein.

Das macht das Buch unter anderem für mich so lesenswert, es ist glaubhaft, und dennoch einfach eine Geschichte. William Boyd macht das geschickt, er wählt die Form der Autobiografie einer fiktiven Erzählerin. So kann er das historische Geschehen des 20. Jahrhunderts, Begebenheiten, Personen, die Gesellschaft an sich, den Krieg oder die Stellung der Frau verweben mit einem persönlichen Einblick in das bewegte Leben der Fotografin Amory Clay.

Unterstützt wird die Glaubhaftigkeit der Erzählung durch immer wieder im Text eingebundene Schwarzweiß-Fotografien, die in der William Boyd Qualität (wohl bewusst oder fehlt mir hier der Kunstsinn?) so schlecht sind, dass man oft gar nicht erkennen kann, was das Foto denn nun darstellen soll. Tatsächlich spielt die Qualität der Fotos ansonsten gar keine Rolle, sie dienen, so denke ich zumindest, zur Aufrechterhaltung der autobiografischen Fiktion.

Ich für meinen Teil war gefesselt vom Leben der Amory Clay, glücklich endlich mal wieder – nach langer Leseabstinenz – in den Sog einer schön erzählten Geschichte hineingezogen worden zu sein, mich auf den nächsten Moment freuend, an dem ich weiterlesen konnte. Einzig die eigenartige Distanziertheit zur Erzählerin, das Fehlen von übertragenen Emotionen auf den Leser- trotz schmerzhafter Erlebnisse kommt keine Trauer auf, man wird nicht zu Tränen gerührt, man fühlt die Freude nicht – fand ich persönlich als schade.

Dennoch, eine Leseempfehlung für alle, denen ein Buch nicht umfangreich genug sein kann (die 500 Seiten werden überschritten), die im Vorbeilesen ein paar Einblicke in gesellschaftlich-historisches Zeitgeschehen mitnehmen möchten und einfach gerne abtauchen in die Welt eines guten Erzählers.

William Boyd ‚Die Fotografin‘ (Original: ‚Sweet Caress‘)
Berlin Verlag gebundene Ausgabe 24.-€
ISBN 9783827012876

Draußen

Am Wochenende hab ich es mal wieder geschafft nach ‚draußen‘ zu gehen, also eine Wanderung zu machen. Nein, nichts richtig Großes, aber lockere drei Stündchen, was besser ist, viel besser, als auf dem Sofa sitzen zu bleiben.

Das mit dem Sofa ist am Wochenende nämlich so eine Sache. Seit ich wieder Vollzeit arbeite, lockt es, ruft nach mir, will besetzt werden. Und ich bin schnell versucht dem Ruf zu folgen. Diese zwei Tage sind einfach viel kürzer als die anderen während der Woche, gefühlt um Stunden 😉 , was liegt also näher, als sich mit einem Buch zurückzuziehen.

Allerdings, und das ist auch gut so, weiß ich aus der Erfahrung der letzten Jahre, dass ein Tag draußen an der Luft, mit Bewegung, in netter Gesellschaft richtig zufrieden macht. Ja, ich würde fast behaupten, da spielt sogar dieses so arg strapazierte Wort ‚Glücksmoment‘ mit.

Maria BirnbaumLetztlich kommt es darauf an, die Trägheit, den inneren Schweinehund, die müden Knochen oder wie immer man es nennen mag, zu überwinden und loszugehen.

Es runkelrübelt
Es runkelrübelt

Und auch wenn ich mich hier wiederhole, lasst die Wetter-Ausreden außen vor, meistens kommt es gar nicht so schlimm oder wird weniger dramatisch empfunden, wenn man erst mal unterwegs ist.

Diese unbeschreibliche Zufriedenheit, wenn man müde vom Draußensein, von der Bewegung, nach Hause kommt, ja selbst das Zwicken und Zwacken am Abend ist jede Überwindung wert. Und mit jedem neuen Aufraffen sammeln sich mehr Erfahrungswerte an, die einem beim nächsten Mal die Entscheidung, Sofa oder Wandern, leichter machen.

Maria BirnbaumUnd so kam es also, dass wir erneut im Wittelsbacher Land unterwegs waren. Hat es uns die letzten Jahre für kleinere Wanderungen eher in die Westlichen Wälder verschlagen, die gespickt mit ausgewiesenen Wanderwegen sind, so testen wir nun den Nordosten Augsburgs aus. Die Landschaft ist hier anders, die Wanderungen stückeln sich zusammen aus kleineren Landstraßen, Maria Birnbaumauf denen auch mal ein Auto fährt, und Feld- und Waldwegen. Man läuft an kleinen Weilern vorbei, entlang Wiesen und Feldern, muss kleinere Bächer überqueren, weil es manchmal keine ausgeschilderten Wanderwege gibt, ein leicht hügeliges Auf und Ab. Historisch-kulturell gibt es einiges zu entdecken, nichts Großartiges, aber für die Region interessante Kleinode.

Maria Birnbaum
Maria Birnbaum
Schloss Blumenthal
Schloss Blumenthal

Maria Birnbaum

So starteten wir an der barocken Kirche ‚Maria Birnbaum‘, erreichten nach ca. einer Stunde ‚Schloss Blumenthal‘ und machten uns mit leckerem Essen gestärkt auf den ausgedehnten 2-stündigen Rückweg zum Ausgangspunkt.

Maria Birnbaum überrascht mit einer eigenen App fürs iPhone
Maria Birnbaum überrascht mit einer eigenen App fürs iPhone

Eine schöne leichte drei-Stunden-Langschläfer-Tour im Wittelsbacher Land mit Kultur am Wegesrand.

…und nächstes Wochenende, da hab ich eine Verabredung mit meinem Sofa 😉

 

Oben – ein schöner Ort

Schönster OrtGerade habe ich überlegt, ob ich wohl wieder einmal fünf Euro für unsere IronBlogger-Trinkkasse beisteuern soll – was soviel heißt wie: diese Woche bleibt das Blog ohne Artikel.  Da sehe ich, dass Markus von Outdoor-Blog.org eine Blogparade abhält zum Thema ‚Euer schönster Ort‚.  Lieber Markus, so wird die Kasse natürlich nicht gefüllt, ist mir dazu doch gleich was eingefallen 🙂

Schöne oder liebste Orte könnte ich viele aufführen, ganz sicher gehört das gelegentliche Sonntagsmorgenslümmeln im eigenen Bett dazu, die vor der Haustüre gelegene Wertach, die immer gut ist für Schönster Ort einen schnellen Spaziergang, das Cafe, in Schönster Ort dem ich mich Samstags gerne mit Freunden treffe oder ‚mein Pond‘ in den nahe gelegenen Westlichen Wäldern, ganz zu schweigen von meinem ‚Home away from Home‘ in Wisconsin/USA.

Tatsächlich interpretiere ich diesen, meinen schönsten Ort, nicht als einen bestimmten Ort, sondern im übertragenen Sinn als etwas, das ich liebe zu erreichen.

Es ist sehr lange her, dass ich diesen Ort besucht habe. Aus unterschiedlichen Gründen, die gar keine so große Rolle spielen. Es hat nicht geklappt. Punkt. Ich vermisse diesen schönsten aller Orte und natürlich habe ich das Ziel ihn bald wieder einmal besuchen zu können.

Ich spreche vom Ankommen, vom ‚Oben‘, vom Gipfel, dem Ziel. Von Schönster Ortdiesem Moment, an dem ich auf dem Gipfel stehe. Ja, auch von dem Moment nach einem langen Wandertag abends erschöpft am Ziel anzukommen und sich bewusst zu machen, ich habe es geschafft.

Der größte Moment aber tatsächlich ist ein Gipfel, eine hoch gelegene Hütte, eben es nach oben geschafft zu haben.

Blick zurück auf den bestiegenen Gipfel - in den Nockbergen, Kärnten
Blick zurück auf den bestiegenen Gipfel – in den Nockbergen, Kärnten

Ich habe mich früher, bei sehr anstrengenden langen Bergtouren, während des Aufstiegs oft gefragt ‚warum nur tue ich mir das an?‘. Sobald man den Gipfel erreicht, wird diese Frage beantwortet. Weil das Gefühl oben zu sein einfach unbeschreiblich ist, das Glücksgefühl alle Strapazen vergessen lässt.

Auf der Schaufelspitze, Stubaital
Auf der Schaufelspitze, Stubaital

Und so befriedigend es auch sein mag auf einem Weitwanderweg außerhalb der Berge sein Ziel zu erreichen, es ist – für mich – nicht zu vergleichen mit einem Berggipfel. Oben zu sein macht den entscheidenden Unterschied.

Und ich meine das in keinster Weise arrogant, respektlos oder von oben herablassend – denn natürlich ist das eine überaus menschliche Empfindung lieber oben als unten zu sein. Mich erfüllt das Erreichen eines Gipfels, das Oben ankommen mit Ehrfurcht, Staunen, Sprachlosigkeit und einer unbeschreiblichen Hochachtung vor mir selbst und der Welt, die sich vor mir ausbreitet.

Blick vom Tegelberghaus
Blick vom Tegelberghaus

Dabei spielt es keine Rolle, wie hoch man ist, wie lang der Aufstieg war, wieviele Höhenmeter man hinter sich gebracht hat. Das Draußensein an sich, das Losgelaufen sein und den Gipfel zu erreichen, das ist der schönste Ort, den ich mir vorstellen kann.

Schönstes Geburtstagsgeschenk von mir für mich - eine kleine Tour von Pfronten nach Füssen
Schönstes Geburtstagsgeschenk von mir für mich – eine kleine Tour von Pfronten nach Füssen – oben lang 😉

Und genau deshalb lohnt es sich für mich auf dieses Ziel hinzuarbeiten, um bald mal wieder diesen schönsten aller Orte, einen Gipfel, aufzusuchen!

…über wandern, reisen, lesen, schauen, reden…